Sonntag, 23. Oktober 2016

Feierlich

Yom Kipur beginnt friedlich. Ein Balkon in Tel Aviv, die Sonne kitzelt meine Füße. Neben mir ein duftender Kaffee, meine Vokabeln auf dem Schoß und Hushhash, der Hund von Freunden, neben mir auf dem Boden. Hausdächer und Hochhäuser,  rauschende Klimaanlagen und Fahrradklingeln - heute steht alles still. Keine Autos dafür Fahrräder überall.  Im Hinterhof spielen Kinder, es wird Deutsch gesprochen. Gesang schwebt aus der Synagoge zu mir hoch, berührt mich und holt mich aus meinen Gedanken. Ungläubig bin ich, fasziniert, wie intensiv Religion hier gelebt wird, wie stark verankert sie in den Leben der Menschen ist. Viele fasten seit dem Vorabend, insgesamt 25 Stunden lang. Seit den Beginn des neuen Jahres an Rosh HaShana vor genau zehn Tagen wird über den Verbleib jedes einzelnen entschieden. Leben oder sterben, (überlebens-)wichtig ist es jetzt zu beten. Granatapfel und Honig, für ein süßes neues Jahr, auch Schokolade wird verschenkt - jetzt aber rückt die Entscheidung näher, die Gebete werden intensiver. Der wichtigste Feiertag für die Juden endet heute Abend, mit traditionellem Essen, mit weiteren Gebeten. 
Wir dagegen frühstücken Shakshuka, selbst gekoch, köstlich duftend und viel zu viel. Überfluss! Ein paar Stunden am Strand, das nie aufhörende klackern der Bälle auf Holzschlägern sogar heute, klack, klack, klacklack, Matkot forever. Im Auto bei Sonnenuntergang zurück nach Jerusalem, der Spuk ist beendet. Der neue Tag beginnt. Zum Schluss noch Schoko-Bananen-Eis.

Yom Kipur war erst vor einer Woche, ganz unwirklich. Wieder verschwimmen Tage - es vergeht kein einziger an dem nach der Arbeit nur Langeweile auf mich wartet.  Zerrissen zwischen Genuss und Überreizung. Nur ein Jahr, schnell den Moment leben, auskosten, sich treiben lassen,schnell schnell. Jazzkonzert in Tel Aviv, Kletterunterricht an der Wand mit Blasen an den Händen, traditionelles Shabbat Dinner mit köstlichstem Essen bei Freunden und Sukot - Dinner in der Laubhütte - bei Eyal den ich aus Thailand kenne. Die ultraorthodoxen Juden schlafen und beten sogar in der bunt geschmückten Sukah. Eine Woche und die Stadt ist jeden Tag voll mit fein angezogenen Menschen, Kindern und Reisegepäck.

Nur Woche später, heute Abend, beginnt der letzte Feiertag dieses Reigens. Wieder ist die Stadt gefüllt mit schwarzen Hüten und Mänteln, Kindern und Müttern, die schwer beladen auf dem Weg zu Verwandten sind. Und während sich alles um die Feiertage dreht, dreht sich mein kleines parraleles Univesum plötzlich ganz langsam. Zeit um in meinem Schaukelstuhl sitzend zu lesen, den leisen Flötenklängen eines Nachbarn zu lauschen die zu mir schweben, Freunde aus Deutschland zu treffen, auf dem Bett liegend die Stille zu genießen, Langeweile am Abend bei Kerzenschein auszukosten, beim Klettern fast zu verzweifeln und mein Zimmer einzurichten. Nach all dem balagan freue ich mich auf den kühlen November, auf Alltag und 

Mittwoch, 19. Oktober 2016

Angekommen

so intensiv, so real, so echt und gleichzeitig zu echt, zu sehr. Ganz und gar in dem Moment. Ganz bei mir und außer mir. Die Straße, sandfarbene Häuserreihen, die Geschäftigkeit am Shuk vor Shabbat. Spätsommerhitze. Menschen ziehen vorbei, kleine Familien, jemand zieht eine riesige Mülltonne. Staub. Die Bäume blass in gleißendem Sonnenlicht, wie Pappaufsteller in einer Spielzeugwelt, die Straßenbahn rauscht laut. Dieser Moment so viel realer als andere und unwirklich zugleich. Ich sitze in dem Moment als hätte mich jemand in einer fremden Welt abgesetzt, Beobachter in einem Film. Unsichtbar. Konturen so scharf, die Sinne zart und wach. Verwundert, beglückt, fast verzückt. Die Musik wie ein Sog, vom Straßenrand hinaus in das Leben, sechs Jungen mit Instrumenten, wunderbare Melodien die sich umeinander winden und finden, sich entfernen. Ein Hauch Nostalgie, ein Beat und dieser Film ist echt, schwingt mit den Geräuschen der Stadt, untermalt, dirigiert, folgt, vibriert, löst mich auf, nimmt mich mit und vereint mich mit dieser Welt.

Es ist Freitag, Wochenende ist endlich mehr als nur ein Gedanke. Vom Staatsbegräbnis in die Stadt, Trampen weil kein Bus fährt. Das Damaskustor überflutet. Menschen überall, handeln um Baklawa im arabischen Viertel, abtauchen in die Wiener Caféhauswelt, Freunde treffen. Wir haben Besuch aus Haifa und Tel Aviv, wir haben das Leben. Über die Kuppeln der Altstadt ruft der Muezin ruft zum Gebet. Das süße Leben kosten. Reibung erzeugt wärme - so that's the real shit here.

Das erste Treffen mit Ruth, auch intensiv. Manchmal frage ich mich, warum mich das Vorhersehbare immer wieder überrascht. Wir können uns über Essen unterhalten und über ihre Vorliebe für diese eine bestimmte Kirche. Es dauert, bis ich das raus habe, die Geduld, die ich für Ruth aufbringen muss treibt mich fast selbst in den Wahnsinn. Und gleichzeitig hält sie mir alleine durch ihr Dasein den Spiegel vor, wenn ich denke nicht mehr weiter zu können.