Donnerstag, 29. September 2016

Feeling Good

YAY! Angekommen in der Freiheit, die Guatemala - unsere neue hood! Bis zum Har Herzel nicht weit, von dort geht's easy in die Stadt. Putzen, aufräumen, ausmisten, den Staub der vergangenen Generationen aufwirbeln und neues erschaffen, ankommen und wohlfühlen. Es dauert zwei Tage, dann sind wir zufrieden. Mein Herz schlägt höher bei dem Gedanken, dass diese neue Freiheit schon seit einer Woche meine ist.

Drei Wochen haben wir als große Gruppe verbracht, uns gefunden, umeinander gedreht, verstanden, Zwiespälte ausgehalten. Jetzt Ruhe, wenn ich meine Zimmertür schließe. Jetzt wohlfühlen, wenn ich in meinem Schaukelstuhl sitze. Jetzt der Blick auf die Stadt aus meinem kleinen Fensterchen und durch die Nische zwischen zwei Häusern. Nachts die vielen Lichter.  Durch die staubigen Straßen wandern, Treppen von einem Berg zum andern steigen, neue Menschen treffen. Wie ein Alien in manchen Nachbarschaften, nicht sicher ob ignoriert oder angestarrt. Ich schaue lieber nicht, bewahre mein Lächeln. Unfreundlich war noch niemand aber neugierig sind alle. Unser Haus wie ein kleines Kibbuz, man mag sich, hilft sich. Lion aus dem ersten Stock läd uns ein, auch sie fühlt sich manchmal komisch in Jerusalem. Die Kletterhalle, eine Oase. Ganz nah, wieder eine andere bunte Welt aus lauter Musik, Menschen, Kindern und Joe. Joe aus Thakek,Laos!!! Joe aus Israel, Wagabundenleben leben. Life is good, mein Herz tanzt, läuft über und füllt mich aus mit Glück. 

Mein Arbeitsalltag wartet. noch nicht auf mich. noch gibt es bürokratische Hürden zu überwinden. noch kann ich mich in Yad Vashem umschauen wie ein heimlicher Beobachter, zwischen den Welten. noch. Das ändert sich bald, vielleicht noch heute. Vielleicht in einer Woche. Erst Rosch Haschana, Neujahr - das ist wichtig - und unser Ausflug nach Jordanien. Dann widmen wir uns wieder den Toten, den Denunzierten, den Angeklagten. Fröhlich, die Arbeit soll ja Spaß machen. Die drei Damen, die ich in diesem Jahr treffen werde kenne ich auch erst vom Telefon. Heute mein erster Besuch im Französischen Viertel. Ich bin gespannt. Herzklopfen. Leben ist immer intensiv hier, für alle, ohne Ausnahme.

Freitag, 16. September 2016

Tage wie Stunden

Die Zeit verstreicht und ich werde immer voller mit Eindrücken, Gefühlen. Viele sind groß und bewegend, andere klein,eigentlich unbedeutend. Und ja, es sind gerade die, die so übermächtig werden. Die Zeit für mich alleine ist so limmitiert, dass ich früh aufstehe um allein sein zu können und manchmal schon Mittags genug habe vom Tag. Als Gruppe passts dafür und wir lachen. Viel.

Yad Vashem. Dieser Ort ist, so tragisch und unvorstellbar die Geschichte immer wieder ist, magisch. Esther aus Deutschland hat fünf Stunden eingeplant um uns über das Gelände zu führen. Schon in den ersten Minuten wird klar, das wir in dieser Zeit nicht mehr als eine Idee von dem bekommen können, was hier gezeigt wird. Unglaublich, das tatsächlich ich die wahnsinnige Chance habe hier ein Jahr lang arbeiten zu dürfen.
Ein Gang aus Beton, ein dunkler verspiegelter Raum. Kerzen - das Kinderdenkmal ist anrührend schön, zeitlos, zerbrechlich, unendlich. Schmerzlich. Wir alle stehen nach 5 Minuten verändert wieder auf dem Gehweg. Es folgen weitere Denkmale, die in in ihrer Gestaltung sehr deutlich zeigen, wie sich die Rezeption der Shoa mit dem verstreichen der Jahre verändert, erweitert hat. Ein Gedicht hat mich besonders berührt. Geschrieben von Dan Pagis (*1930) an die Wand eines Deportationswaggons. Vom ersten Brudermord in der Bibel zeichnet er eine Linie bis in die Gegenward des Nazi Regimes. Unvollendet. Das Unaussprechliche als Leerstelle.

here in this carload
I am eve
with abel my son
if you see my other son
cain son of man
tell him I

Nur einen Tag später der Besuch in der Synagoge. Wow, mir fehlen ein bisschen die Worte. Ein kleines bisschen Hexenwerk, ein bisschen shishi und viele Rituale habe ich erwartet. Alles, nur das nicht, war der Gottesdienst in der am Shabbat. Der Gebetsschal, den der Rabbi über Jeans und T-shirt gelegt hat, verruscht alle zwei Minuten wieder. Er spricht mal laut mal leise die Verse, klopft im Rhythmus der Lieder auf seinem Tisch. Im Liederbuch keine Noten, dafür Hebräisch, Umschrift und die englische Übersetzung. Wir singen und folgen den vielen Melodien um uns herum. Wunderschöne, warm klingende Variationen der selben Melodie schweben durch die kühle Architektur der Synagoge. Sie singen für sich und doch singen sie alle gemeinsam, streben zu einem Ziel, nähern sich dem Ende in hingebungsvoll fröhlichem und sich immer wiederholendem deilalei. Es wird geklatsch, manchmal. Sie feiern gemeinsam und doch feiern sie für sich. Die Woche vom Shabbat Ende bis zum neuen Anfang soll ich resümieren, mir mein Leben spiegeln und tief durchatmen. In der englischen Erklärung zum jüdischen Gottesdienst dieser Gemeinde heißt diese Phase 'guided meditation'. Spannende Wortwahl für einen Gottesdienst. Shabbat Shalom wünschen wir uns nach einer Stunde Gebet und Gesang. Noch einmal tief durchatmen dann bleiben wir plaudernd, gehen wieder unserer Wege, landen wieder im Alltag.

Herzflimmern

Die Tage fliegen an mir vobei, verschwimmen und werden zu matten, süßen Erinnerungen. Heute vor einer Woche sind wir aufgebrochen an diesen Ort voller Geheimnisse um sie eins ums andere zu entdecken und neue zu erschaffen. Wir lernen uns kennen, tauschen kleine Lächeln und Gesten, werden zu Freunden. Die Welt scheint still zu stehen doch unser paralleles Universum dreht sich besonders schnell, besonders intensiv.

Ulpan, Vorträge, Meinungen, Führungen. Dazwischen Gesang, Musik, köstliches selbstgezaubertes Essen, die laute Stadt voller Lichter - so verschlafen und friedlich wenn man von oben schaut. Und dann wieder hart und unbarmherzig. Jede Nacht Polizeisirenen. So wenig Platz für alle, so viele Gefühle. Hier ist alles intensiv und ich suche meinen Platz in mir und in dieser neuen Welt.    

Donnerstag, 15. September 2016

Jerusalem, du heiße Perle

Jerusalem. Du bist so wunderbar überwältigend, so wunderschön wie beim ersten Mal und genau so freundlich und herzlich, wie in meiner Erinnerung. Es ist wie träumen, nur viel besser! Der Empfang im Beit Ben Yehuda ist warm und duftet köstlich nach israelischem Essen. Essen, so viel und so gut, dass die Augen viel größer sind als unsere müden Mägen. Johannes, Länderreferent für Israel und unser Ansprechpartner, ist unglaublich nett, hilft uns auch bei Kinkerlitzchen und gibt uns endlich wieder ein bisschen Autonomie: Wir kochen für uns selbst!  
Dieses aufregende Jahr im Freiwilligendienst mit ASF, beginnt zunächst mit einer Woche Seminar in der Jugendbildungsstätte Hirschluch. Viele interessante, motivierende, gedanken-anregende und intensive Tage habe ich erlebt, aber auch ein oder zwei Momente, die mich ein Stück (zurück) zu mir selbst gebracht haben.
Nachdem wir uns im neuen zu Hause Jerusalem (ich kann es immer noch nicht glauben) ausgeschlafen, organisiert und ein bisschen chaotisch in unseren kleinen Zimmern eingerichtet haben, bekommen wir eine umfangreiche Führung durch die Altstadt von Jerusalem. Unser Guide, Arnon Bruckstein, spricht Deutsch und hat garantiert (mindestens) ein Geschichtsbuch gegessen. Er hört gar nicht mehr auf uns von politischen und historischen Traditionen, Mythen und Offenbarungen zu erzählen, die in Jerusalem stärker sind als alle Fakten. Es gibt so viel Spannendes, das ich mir vor lauer Erschöpfung gar nicht merken kann, aber es gibt so viel zu erkunden und zu entdecken in dieser Stadt voller Geschichte. Am Ende des Tages dann noch eine wunderbare Begegnung – Shlomi, bei dem ich vor einem Jahr als Couchsurfer war, schaut ganz spontan im BBY vorbei. So ein schönes Wiedersehen, so viel zu erzählen! Saxofon, Bass und Klavier in einer Jazz Bar; Bier, ein paar Shots und ausgelassen-fröhliche Stimmung machen den ersten Tag in Jerusalem einfach perfekt. 
Der Ulpan, unser Sprachkurs mit Maya aus Jerusalem, am nächsten Morgen dauert locker vier Stunden.  Ich komme wirklich gut mit – das Üben vorher hat sich wirklich gelohnt! Die Tour, die wir am Nachmittag mit Johannes machen, zeigt uns eine völlig neue Welt in Jerusalem. Die Neustadt ist fast unwirklich idyllisch und sauber, der Shuk bunt, laut und duftüberladen, die Innenstadt mit Straßenbahn. So viele Wirklichkeiten, so viele unterschiedliche Leben in dieser kleinen Stadt.
Der Tag endet beladen mit Tüten vom Shuk im falschen Bus und einem großartigem Busfahrer. Nachdem Frieda, Sophie, Hanna und ich die Einkäufe für den nächsten Tag erledigt und ein köstliches Dinner aus Hummus, Pita und Oliven verspeist haben springen wir in einen Bus der 7er-Linie. Wir sind falsch und Google maps ist nicht ganz eindeutig, ob wir uns in Jerusalem, außerhalb oder der Westbank befinden - wir sind plan- und ahnungslos. Nur ein paar Stunden vorher hat Johannes orakelt, man müsse sich in seinem Freiwilligendienst verlaufen und mit zerfledderten Kleidern zurückkehren – es stimmt schon.. manches braucht man nur laut auszusprechen und die Wünche erfüllen sich. Völlig selbstverständlich (und fast heldenhaft) werden wir von unserem Busfahrer in halsbrecherischem Tempo auf dem Rückweg seiner Tour an unserer Haltestelle abgesetzt. Toda raba!! Der Bus rast davon und dort wo eigentlich die Busnummer steht, leuchtet uns ein „HHH“ entgegen. Welch schöne Ironie.