Freitag, 27. Januar 2017

Motek, Motek. Eine Liebeserklärung!

"Motek, Liebchen, wo bist du. Ich liebe Dich! Du sollst mit mir sitzen hier. Wo bist du?" Ruth ruft mich an, recht verstimmt und ich ahne nichts Gutes. Ich erkläre ihr, dass ich mehrfach versucht habe sie zu erreichen. Ich bin schon wieder krank, diesmal ist es eine Mandelentzündung. Sie versteht nicht ganz was ich habe, aber dass ich krank bin schon. "Sollst du mit mir sitzen. Komm Liebchen, komm. Hier ist es warm." Ich versuche ihr zu erklären, dass der Weg zu weit und ich zu krank bin. Sie ist fast eingeschnappt, sie meint es doch so gut! Noch ein Versuch, nachdem ich ihr versichert habe, dass ich nächste Woche ganz bestimmt wieder gesund sein werde. Es gäbe auch warmen Tee, sagt sie. Vielleicht ist es meine klägliche Stimme und die Worte, die ich nur heraus würgen kann, die sie dann doch überzeugen, dass ich an diesem Dienstag wirklich nicht kommen kann.

Am nächsten Morgen, wieder ein Anruf. "Liebchen, Motek, wie geht es dir? Ich liebe Dich so!" "Noch nicht viel besser", muss ich ihr gestehen und sie seufzt. "Sollst du sitzen mit mir. Ich habe gearbeitet gestern b'Hadassa. Komm zu mir Liebchen. Hier ist es warm." Ich frage sie, wie es ihr geht und ob es gut war, in Hadassa. " Ja, sehr gut. Danke schön", kommt promt die Antwort, "hab ich geendigt, und nun muss ich sitzen. Von oben b'zohoraim, b'Hadassa, hab ich gearbeitigt". Der Versuch sie abzulenken scheitert, von ihr ein weiterer Versuch mich zu überzeugen, zu ihr zu kommen. Ich versichere ihr, dass es hier warm ist und ich in einem kuscheligen Bett liege und, dass ich nichts tun brauche weil sich Menschen um mich kümmern. Das beruhigt sie ein bisschen. "Sollst du wirklich nicht machen! Wirklich nicht", sagt sie."Ich liebe dich, Liebchen. Wirklich! Ich liebe dich! Bye" "Bye Ruth", sage ich "Ich liebe Dich auch!"

Diese kleine Person, die Käse mit dem Zeigefinger aus der Packung löffelt und genüsslich, die Augen verdrehend daran schleckt und schmatzt, die sich Essensreste ungeniert aus den Zähnen puhlt und im Restaurant Messer und Gabel gekonnt ignoriert, ich liebe sie! Unsere ersten Versuche zu kommunizieren, über Sin Sin ( Taiwan) und Nudeln, ob ich Dinge wüsste und dieses Kindchen, dass sie wirklich liebt - sie meinte meine Vorgängerin Emily - waren wirklich schwierig. Plötzlich Streit, und sie vergleicht mich mit Hitler. Das ist zu viel für mich, sie ist doch noch bei Verstand! Das ich gehen will, bringt wiederum sie aus der Fassung. Ich setzte mich mit ihrer Vormünderin in Verbindung, sie beklagt sich bei Amcha.
Es hat uns irgendwie zusammen geschweißt. Die Treffen werden besser, ich lerne immer mehr, ihre Art zu kommunizieren zu verstehen - und ich glaube sie gibt sich wirklich ganz große Mühe! Dann führt sie mich zum Essen aus, spricht an was passiert ist. Ich wäre nicht so freundlich zu ihr gewesen - aber sie ganz sicher auch nicht zu mir. "Aber Liebchen", sagt sie und drückt meine Hand "jetzt liebe ich dich wirklich!" 

Donnerstag Morgen. Ich rufe sie an - und sie fragt etwas auf Hebräisch. Dann auf Deutsch, wie es mir geht. Ich antworte ehrlich " Kacha, Kacha" - so lala! Sie hofft, dass es mir bald besser geht. Mein Anruf, nicht nur gedacht um sie zu berughigen - auch um zu fragen, was sie am Freitag früh vor hat. Über die Zukunft sprechen ist mit ihrem Wortschatz so schwierig, sie verzettelt sich, weiß es auch nicht so genau. Aber sie versteht, dass ich sie besuchen kommen will. Der Deal - ich rufe einfach noch einmal an. Morgen wird sie wissen, ob sie Zeit hat.

Und ich - ich gehe an meinem freien Tag Ruth besuchen, schaue kurz bei Eva vorbei die dann schon ihre Wochenendzeitung besorgt hat und bei Chava, für einen kurzen Schnack über die Enkel und Urenkel und wie es mir so geht.
Sie alle gelten als Überlebende - das ist mir irgendwie zu wenig. Lebenskünstlerinnen sind sie, jede mit einer herzzerreißenden Geschichte, jede mit ihrer eigenen Strategie für ein zufriedenes Leben.
Sie haben mir so einiges beigebracht, die Damen! Mich wirklich auf einen Menschen einzulassen, auf jemanden den man nicht kennt, dessen Strategien zu kommunizieren ich zunächst einmal entdecken, erkennen muss. Offen und flexibel zu sein für neue Konzepte von Liebe und Zuneigung, von Verständnis und für Bedürfnisse. Wir haben noch 7 Monate, auf die ich mich wahnsinnig freue. Gedanken an Abschied sind albern, wir sind im Hier und Jetzt, genießen und erfreuen uns daran. Und doch graut es mir in manch einer Sekunde schon jetzt vor dem Abschied.

Samstag, 14. Januar 2017

Zeit

Die Zeit ist ein wundersames Ding. Sie ist ungreifbar, unbeschreibbar und flüchtig. Sie hat mir viele Monate voller wunderbarer Momente beschert und es scheint so unwirklich, so unendlich lang her, seit ich das erste Mal meine Hände auf den warmen Stein der Felsen in Laos gelegt habe um voller Angst und Aufregung meine erste Route zu klettern. Jeden einzelnen Moment dieser vielen Momente habe ich besonders ausgekostet, die Erinnerungen sind so lebending als wären sie erst ein paar Tage alt. Nur wenig jünger sind die Erinnerungen an den Beginn der Arbeit in Yad Vashem, der Arbeitsbeginn, all das neue Wissen, das nun meinen Kopf füllt und mich bereichert. Diese Erinnerungen sind viel weniger klar und präsent, vielmehr sind sie zu Einem geworden und haben einen Teil meiner Identität geformt. Es füht sich nicht an, als hätte ich dort ein Jahr gearbeitet - es fühlt sich vielmehr an als wäre ich länger als sechs Monate auf reisen gewesen, als wäre ich viel länger als nur eineinhalb Jahre durch die Welt gezogen - die Erinnerungen könnten viele Jahre mehr füllen. Die Zeit ist ein wundersames Ding!

Die Zeit jetzt in diesem Moment ist die wundersamste. Nur im Moment leben ist eine große Aufgabe, zu viel muss bedacht, erledigt, abgehakt werden. Listen machen hilft, aufgeschobenes tun, sortieren, ordnen, planen - umplanen. Sich Dinge bewusst machen und großzügig mit sich selbst sein, meditieren und sich sammeln. Würde mein Flug jetzt gleich gehen, ich würde nicht nein sagen. Zwischen den Welten gefällt es mir nicht und doch schimmert auch in dieser Zwischenzeit das Glück der vergangenen Monate, ganz zart in einem guten Gespräch, in einer Freundschaft deren Wert sich gerade jetzt besonders zeigt und mit Glanz in überwältigenden Momenten mit Rut, im Meer, im Abschied von Orten, Dingen und Freunden.

Mit den Gedanken bin ich vor langer Zeit schon immer mal wieder nach Hause zurück gekehrt, habe überlegt und geplant, geträumt. Bis diese noch vagen Träume Wirklichkeit werden, wird noch einige Zeit vergehen und doch sind die Entscheidungen gerade so viel wichtiger als die Taten - die Zeit ist ein wundersames Ding! Beim Wandern in Gedanken verschwandt der Alltag bisher, das Normale darin und das Gewöhliche. Doch je näher der Abschied um so klarer die Chance auf ein neues Abenteuer. Ich bin ganz neu und so ist Hamburg für mich. Wieder ein Ort den ich neu entdecken kann, vom dem ich mich lösen und den ich doch wieder zu meinem machen kann. Im Regen tanzen, träumen von fernen Orten, Kultur in meiner Sprache genießen und den Komfor vom altbekannten, bequemen, gemütlichen auskosten, Kerzen anzünden um dem Grau von draußen zu entkommen, frieren im Sommer und vorvorweihnachtliche vorweihnachtsstimmung mit Spekulatius im September. Und Heimat mitbringen, das Alte mit neuem füllen, bunter machen und jedes mal einen schauer wohliger Erinnerung genießen, wenn Kardamomkaffeeduft durch die Luft schwebt. Hamburg, die neue alte Base - bis mich die Zeit wieder an einen neuen Ort trägt.