Die Zeit ist ein wundersames Ding. Sie ist ungreifbar, unbeschreibbar und flüchtig. Sie hat mir viele Monate voller wunderbarer Momente beschert und es scheint so unwirklich, so unendlich lang her, seit ich das erste Mal meine Hände auf den warmen Stein der Felsen in Laos gelegt habe um voller Angst und Aufregung meine erste Route zu klettern. Jeden einzelnen Moment dieser vielen Momente habe ich besonders ausgekostet, die Erinnerungen sind so lebending als wären sie erst ein paar Tage alt. Nur wenig jünger sind die Erinnerungen an den Beginn der Arbeit in Yad Vashem, der Arbeitsbeginn, all das neue Wissen, das nun meinen Kopf füllt und mich bereichert. Diese Erinnerungen sind viel weniger klar und präsent, vielmehr sind sie zu Einem geworden und haben einen Teil meiner Identität geformt. Es füht sich nicht an, als hätte ich dort ein Jahr gearbeitet - es fühlt sich vielmehr an als wäre ich länger als sechs Monate auf reisen gewesen, als wäre ich viel länger als nur eineinhalb Jahre durch die Welt gezogen - die Erinnerungen könnten viele Jahre mehr füllen. Die Zeit ist ein wundersames Ding!
Die Zeit jetzt in diesem Moment ist die wundersamste. Nur im Moment leben ist eine große Aufgabe, zu viel muss bedacht, erledigt, abgehakt werden. Listen machen hilft, aufgeschobenes tun, sortieren, ordnen, planen - umplanen. Sich Dinge bewusst machen und großzügig mit sich selbst sein, meditieren und sich sammeln. Würde mein Flug jetzt gleich gehen, ich würde nicht nein sagen. Zwischen den Welten gefällt es mir nicht und doch schimmert auch in dieser Zwischenzeit das Glück der vergangenen Monate, ganz zart in einem guten Gespräch, in einer Freundschaft deren Wert sich gerade jetzt besonders zeigt und mit Glanz in überwältigenden Momenten mit Rut, im Meer, im Abschied von Orten, Dingen und Freunden.
Mit den Gedanken bin ich vor langer Zeit schon immer mal wieder nach Hause zurück gekehrt, habe überlegt und geplant, geträumt. Bis diese noch vagen Träume Wirklichkeit werden, wird noch einige Zeit vergehen und doch sind die Entscheidungen gerade so viel wichtiger als die Taten - die Zeit ist ein wundersames Ding! Beim Wandern in Gedanken verschwandt der Alltag bisher, das Normale darin und das Gewöhliche. Doch je näher der Abschied um so klarer die Chance auf ein neues Abenteuer. Ich bin ganz neu und so ist Hamburg für mich. Wieder ein Ort den ich neu entdecken kann, vom dem ich mich lösen und den ich doch wieder zu meinem machen kann. Im Regen tanzen, träumen von fernen Orten, Kultur in meiner Sprache genießen und den Komfor vom altbekannten, bequemen, gemütlichen auskosten, Kerzen anzünden um dem Grau von draußen zu entkommen, frieren im Sommer und vorvorweihnachtliche vorweihnachtsstimmung mit Spekulatius im September. Und Heimat mitbringen, das Alte mit neuem füllen, bunter machen und jedes mal einen schauer wohliger Erinnerung genießen, wenn Kardamomkaffeeduft durch die Luft schwebt. Hamburg, die neue alte Base - bis mich die Zeit wieder an einen neuen Ort trägt.