Freitag, 16. September 2016

Tage wie Stunden

Die Zeit verstreicht und ich werde immer voller mit Eindrücken, Gefühlen. Viele sind groß und bewegend, andere klein,eigentlich unbedeutend. Und ja, es sind gerade die, die so übermächtig werden. Die Zeit für mich alleine ist so limmitiert, dass ich früh aufstehe um allein sein zu können und manchmal schon Mittags genug habe vom Tag. Als Gruppe passts dafür und wir lachen. Viel.

Yad Vashem. Dieser Ort ist, so tragisch und unvorstellbar die Geschichte immer wieder ist, magisch. Esther aus Deutschland hat fünf Stunden eingeplant um uns über das Gelände zu führen. Schon in den ersten Minuten wird klar, das wir in dieser Zeit nicht mehr als eine Idee von dem bekommen können, was hier gezeigt wird. Unglaublich, das tatsächlich ich die wahnsinnige Chance habe hier ein Jahr lang arbeiten zu dürfen.
Ein Gang aus Beton, ein dunkler verspiegelter Raum. Kerzen - das Kinderdenkmal ist anrührend schön, zeitlos, zerbrechlich, unendlich. Schmerzlich. Wir alle stehen nach 5 Minuten verändert wieder auf dem Gehweg. Es folgen weitere Denkmale, die in in ihrer Gestaltung sehr deutlich zeigen, wie sich die Rezeption der Shoa mit dem verstreichen der Jahre verändert, erweitert hat. Ein Gedicht hat mich besonders berührt. Geschrieben von Dan Pagis (*1930) an die Wand eines Deportationswaggons. Vom ersten Brudermord in der Bibel zeichnet er eine Linie bis in die Gegenward des Nazi Regimes. Unvollendet. Das Unaussprechliche als Leerstelle.

here in this carload
I am eve
with abel my son
if you see my other son
cain son of man
tell him I

Nur einen Tag später der Besuch in der Synagoge. Wow, mir fehlen ein bisschen die Worte. Ein kleines bisschen Hexenwerk, ein bisschen shishi und viele Rituale habe ich erwartet. Alles, nur das nicht, war der Gottesdienst in der am Shabbat. Der Gebetsschal, den der Rabbi über Jeans und T-shirt gelegt hat, verruscht alle zwei Minuten wieder. Er spricht mal laut mal leise die Verse, klopft im Rhythmus der Lieder auf seinem Tisch. Im Liederbuch keine Noten, dafür Hebräisch, Umschrift und die englische Übersetzung. Wir singen und folgen den vielen Melodien um uns herum. Wunderschöne, warm klingende Variationen der selben Melodie schweben durch die kühle Architektur der Synagoge. Sie singen für sich und doch singen sie alle gemeinsam, streben zu einem Ziel, nähern sich dem Ende in hingebungsvoll fröhlichem und sich immer wiederholendem deilalei. Es wird geklatsch, manchmal. Sie feiern gemeinsam und doch feiern sie für sich. Die Woche vom Shabbat Ende bis zum neuen Anfang soll ich resümieren, mir mein Leben spiegeln und tief durchatmen. In der englischen Erklärung zum jüdischen Gottesdienst dieser Gemeinde heißt diese Phase 'guided meditation'. Spannende Wortwahl für einen Gottesdienst. Shabbat Shalom wünschen wir uns nach einer Stunde Gebet und Gesang. Noch einmal tief durchatmen dann bleiben wir plaudernd, gehen wieder unserer Wege, landen wieder im Alltag.

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